Survival of the fittest Oder: Thronfolgekämpfe als Methode der Herrscherauslese

Wie versprochen starten wir diese Woche eine Mini-Serie über die Seldschuken. Einige grundlegende Informationen finden Sie bereits in meiner Serie zu dem berühmten Seldschukenwesir Nezâm ol-Molk – einem der bekanntesten Inhaber dieses Amtes. Damit es unseren Stammlesern nicht langweilig wird, versuche ich nicht zuviel zu wiederholen.

Falls Sie unserem Blog schon länger folgen, haben Sie sicher bereits zur Kenntnis genommen, daß in den islamisch geprägten Kulturen meistens nicht nach dem Primogeniturprinzip verfahren wurde, das uns aus der europäischen Geschichte vertraut ist. Es besagt, daß in der Regel der älteste Sohn eines Herrschers diesem auf den Thron folgt. Das konnte sogar so weit gehen, daß ein Kind dem Großvater auf den Thron folgte, wenn der älteste Sohn bereits verstorben war – und auch von seinen erwachsenen Onkeln anerkannt wurde!

Das Primogeniturprinzip wurde zwar auch in Europa nur zeitweise befolgt, aber in den islamischen Kulturen war es gar nicht vorhanden. Unter den Turkvölkern – und die Seldschuken gehörten zu einem solchen – gab es dafür andere Ansichten darüber, wer zur Herrschaft berechtigt war.

Zunächst einmal zeigen die Ansprüche, die bei den regelmäßig stattfindenden Nachfolgekämpfen hauptsächlich von älteren Brüdern und Onkeln geltend gemacht wurden, daß es eine Art „Senioritätsprinzip“ gab.

Obwohl man sich einig darüber war, daß die Herrschaft grundsätzlich ALLEN Angehörigen der Seldschukenfamilie zustand, gab es auch immer ein Oberhaupt der Familie, dem alle anderen zumindest formal untergeordnet waren – den Sultan eben.

Senioritätsprinzip“ bedeutet in diesem Zusammenhang, daß der jeweils älteste männliche Seldschuke Anspruch darauf erhob, als Oberhaupt der Familie anerkannt zu werden – wie das auch heute in traditionellem Umfeld noch üblich ist. Malek-Schâh (reg. 1072-1092) beispielsweise hatte sich gegen einen Onkel durchzusetzen, der nicht nur älter als er selbst, sondern auch noch der ältere Bruder seines Vaters war.

Dieser Onkel soll dem damals erst siebzehnjährigen Malek-Schâh mitgeteilt haben, ein junger Sohn habe keinen erblichen Anspruch auf die Herrschaft, wenn es einen älteren Bruder gebe.

Das Reich der Großseldschuken beim Tode Malek-Schâhs

Doch die Ereignisse zeigen, daß ein solcher Anspruch allein nicht genügte. Ein Grund dafür war, daß dieses türkische Senioritätsprinzip im Widerspruch zum iranischen Prinzip der Vater-Sohn-Erbfolge stand, die immer mehr Bedeutung gewann. So soll Malek-Schâh seinem Onkel erwidert haben: „Wenn es einen Sohn gibt, hat der Bruder keinen Erbanspruch.“

Auch ohne widerstreitende Prinzipien wäre es aber sehr wahrscheinlich zum Kampf zwischen den Prätendenten gekommen. Denn es scheint, daß hier ein weiteres Prinzip eine Rolle spielte, das auch aus einer Richtung der Schia und aus anderen Zusammenhängen bekannt ist und im Grunde auf der Hand liegt: Daß derjenige rechtmäßig die Herrschaft ausübt, der sie sich erfolgreich erkämpft hat.

Aus diesem Blickwinkel ist ein Nachfolgekampf um den Thron nichts Schlechtes, sondern lediglich ein Mechanismus zur Auslese des bestgeeigneten Anwärters. Ob allerdings der zu einem bestimmten Zeitpunkt erfolgreichste Feldherr auch tatsächlich immer der beste Herrscher war, steht auf einem anderen Blatt.

Ein Hinweis darauf, daß der Kampf um die Thronfolge eine akzeptable Methode zur Bestimmung des nächsten Herrschers war, besteht darin, daß die „rebellischen“ Onkel und Brüder nach ihrer Niederlage in der Regel sehr nachsichtig behandelt und meist auch wieder in ihren Provinzen als Herrscher eingesetzt wurden.

Das läßt vermuten, daß man ihr Verhalten nicht als sträflich betrachtete, sondern ihnen das Recht zugestand, ihren Anspruch zu vertreten und ihr Glück zu versuchen.

Erst Nezâm ol-Molk (st. 1092), der islamisch-iranischen Traditionen anhing und das anders sah, beendete die übliche Nachsicht und räumte gründlich auf, indem er Malek-Schâh zur Hinrichtung von Mitgliedern des Seldschukenhauses bewegte, die eine Bedrohung für seine Herrschaft waren. Ein Beispiel war Malek-Schâhs Onkel Qâword (Kavurt), der Begründer des Zweiges der Kermân-Seldschuken.

Das änderte allerdings nichts daran, daß nach dem Tod jedes Sultans die „Auslese“-Kämpfe von vorne losgingen. Immerhin scheint sich die Auswahl an akzeptablen Thronanwärtern im 12. Jahrhundert auf die Söhne von Sultanen eingeengt zu haben.

Was sonst noch zu einer legitimen Herrscherposition gehörte und was der Abbasidenkalif in Bagdad damit zu tun hatte, erfahren Sie in einer der nächsten Folgen unserer Mini-Serie zu den Seldschuken.

Literatur

Andrew C.S. Peacock: The great Seljuk empire. Edinburgh: Edinburgh Univ. Press, 2015. (The Edinburgh history of the Islamic empires)

Bildnachweis

Beitragsbild: Krönung von Malek-Schâh I aus dem Dschâme‘ ot-tavârîch des Raschîd ed-Dîn Fazlollah, um 1315
Quelle: Wikimedia Commons
Public domain
Karte des Reichs
Quelle: Wikimedia Commons
Lizenz: Creative Commons 4.0
Urheber: MapMaster
unverändert übernommen

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