Wie war das nochmal mit der Liebe? – Inhalte der islamischen Mystik

In meinen letzten Beiträgen über Rûmî und verschiedene Gedichtformen der persischen Poesie war immer wieder von der islamischen Mystik die Rede – und von einer mystischen Liebe, die allegorisch in den Bildern profaner irdischer Liebe beschrieben wird. Aber worum geht es eigentlich in der islamischen Mystik und was hat sie mit Liebe zu tun?

Sie haben vielleicht schon gelegentlich den Begriff „Sûfismus“ gehört. Claudia Preckel hat in ihrem letzten Beitrag über den Mogulherrscher Akbar und die Mystik bereits erklärt, daß dieses Wort möglicherweise von „sûf“ kommt. Das heißt „Wolle“, bezeichnet also das Material, aus dem die härenen Gewänder der frühen islamischen Mystiker bestanden. Die Träger dieser Gewänder nennt man dementsprechend „Sûfîs“ – mittlerweile eingedeutscht zu: Sufis.

Härene Gewänder trugen die frühen Sufis, weil es ihnen nicht nur ging, einen direkten inneren Zugang zu Gott zu finden, der über die formale Befolgung religiöser Vorschriften hinausging. Sie waren der Auffassung, daß dazu eine innere Läuterung nötig sei. Sprich: Man mußte seine eigene „Triebseele“ bändigen, und das ließ sich am besten durch Armut und Askese (arab.: zuhd) erreichen.

Auf die freiwillige Armut der frühen Asketen verweisen auch arabische und persische Bezeichnungen für Mystiker: faqîr heißt „der Arme“ auf arabisch (und ja, Fakir ist dasselbe Wort). Die persische Bezeichnung dürfte Ihnen bekannter sein: „der Arme“ wird auf persisch nämlich darvîsch genannt – zu gut deutsch also: Derwisch.

Allerdings wurden am Anfang (im 7.-8. Jahrhundert) nicht alle gottsuchenden Asketen Sufis genannt (und man müßte sogar diskutieren, ob „Mystiker“ eine korrekte Bezeichnung für sie ist). Zunächst waren die Sufis eine eigene Gruppe. Erst im 9.-11. Jahrhundert gingen sie in der Gesamtbewegung auf, und diese wurde nun als Sufismus oder Sufik (arab.: tasawwuf) bezeichnet.

In dieser Zeit gewann die islamische Mystik ein einheitlicheres Gesicht. Lehrbücher entstanden, man entwarf eine Seelenkunde, und es wurden Läuterungstechniken entwickelt, auf die ich in einem gesonderten Beitrag eingehen werde. Geschrieben wurde bis ins 10. Jahrhundert vor allem auf arabisch, danach gewinnen auch persische Werke immer größere Bedeutung.

Sufisches Werk, Handschrift aus dem 17. Jahrhundert

Ziel der Mystiker war es, eine unmittelbare Gotteserfahrung zu erreichen. Diese wurde oft als Erleben starker Liebesgefühle und Aufgehen im göttlichen Wesen empfunden. Ähnliche Erfahrungen werden bis heute aus tiefer meditativer Versenkung berichtet.

Der gedankliche Hintergrund hierfür war eine spezielle Auslegung des muslimischen Einheitsbekenntnisses (tauhîd), das besagt, daß es nur einen Gott gibt. Sie bestand darin, Gott als den einzigen wahren Akteur zu begreifen, während das menschliche Ich nur als Scheingebilde betrachtet wurde, das in Gott „entwerden“ sollte – der arabische Fachbegriff für dieses „Entwerden“ ist fanâ‘.

Mit anderen Worten: Nach dieser Auffassung existiert nur Gott wirklich und alles andere scheint nur von ihm abgetrennt zu sein, ist aber in Wahrheit Teil von ihm, also mit ihm eins. Das individuelle Ich des Menschen und sein Gefühl des Abgetrenntseins von anderen Wesen und Gott sind daher bloße Täuschung, die durch die Erfahrung der Einheit mit Gott aufgehoben werden soll. Man nennt diese Erfahrung auch „Einheitserlebnis“.

Dieses Erlebnis bildet den Gipfel dessen, was ein Mystiker erreichen kann, und wird als hochgradig beglückend empfunden. Mystiker haben immer schon mit der Herausforderung gerungen, dieses einzigartige Erlebnis angemessen in Worte zu fassen. Häufig waren sie der Auffassung, daß dies gar nicht möglich sei.

Versucht haben sie es aber dennoch immer wieder. Daraus sind großartige literarische Werke entstanden, die sich rhetorischer Mittel wie Allegorien bedienen und alle Register der Dichtung ziehen, um das Erleben ästhetisch fühlbar zu machen.

Da ein wesentliches Element des „Einheitserlebnisses“ die Empfindung allumfassender, alles durchdringender bedingungsloser Liebe ist, die als Ziel und Zweck der gesamten Existenz erscheint, bot sich natürlich die Liebespoesie als Ausdrucksform an.

Soweit ich weiß, ist in keiner Sprache die mystische Liebesdichtung so ausgeprägt und reichhaltig wie im Persischen. Deshalb liest sich mystische Dichtung auf persisch häufig wie Liebeslyrik – zumindest auf den ersten Blick. Und Liebeslyrik hat oft einen mystischen Nebensinn.

Doch damit befassen wir uns in einem der folgenden Teile dieser Mini-Serie über die islamische Mystik.

Bildnachweis

Beitragsbild: Tanzende Derwische an Rûmîs Mausoleum in Konya
Quelle: Wikimedia Commons
Urheber: User:Intension
Lizenz: Creative Commons 3.0
unverändert übernommen

Handschriftenbild im Text:
Quelle: Wikimedia Commons
Urheber: Danieliness
Lizenz: Creative Commons 3.0
unverändert übernommen

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